Vor der Morgenröte: Stefan Zweig in Brasilien

Un pays nouveau, un port magnifique, l’éloignement de la mesquine Europe, un nouvel horizon politique, une terre d’avenir et un passé presque inconnu qui invite l’homme d’étude à des recherches, une nature splendide et le contact avec des idées exotiques nouvelles.

Mit diesem Motto eröffnet Stefan Zweig sein Buch über das Land der Zukunft Brasilien: Der österreichische Diplomat Graf Prokesch-Osten schreibt dies 1868 an Gobineau, als dieser zweifelt, ob er einen Diplomatenposten dort annehmen soll. Das Zitat steht für einen idealisierenden europäischen Blick, der mehr mit dem Verlassenen als mit dem Angekommenen zu tun hat. So auch im Film Vor der Morgenröte über die letzten Jahre Zweigs im Exil.

Die erste und die letzte Einstellung lange ohne Schnitt, zunächst die Blütenpracht der exotischen Welt (aber auch der Drill der Bediensteten in Dienstuniform) beim feierlichen Empfang 1936 auf dem PEN-Kongress in Buenos Aires. Die gemeinsame Selbsttötung am Ende, gemeinsam mit seiner Frau, zunächst die Suche nach dem Gift, dabei nur im Spiegel noch die Anwesenden wie Gabriela Mistral, Kaddish eines Freundes, Verlesung des Abschiedsbriefs, leise eine Angestellte noch ein christliches Gebet geflüstert. Andreas Kilb kommentiert diesen Schluss:

Es gibt Tränen, Flüstern, ratloses Schweigen und hektische Aktivität, und zugleich liegt eine tiefe Vergeblichkeit über dem Geschehen, als wäre das letzte Wort der Handlung längst gesprochen, und nur die Nebenfiguren hätten es noch nicht bemerkt. Alles, was man sieht, ist nur noch Abspann, Epilog; die Welt ist zur Nachwelt geworden, die vor dem Blick des Todes in Nichtigkeit versinkt.

Regisseurin Maria Schrader wählt ruhige, kammerspielartige Bilder, die kein Melodram erzählen, bruchartige Stationen wie der Wechsel vom tropischen Brasilien ins frostige New York bei Zweigs Exfrau. Wortlos blicken die Augen des exilierten Dichters auf eine für ihn in ihrer ethnischen Buntheit utopisch erscheinende Welt, in der allerdings der Wiener Walzer nurmehr als Farce erklingt. Dem politischen Kampf anderer Flüchtlinge wie Georges Bernanos hält er seinen ästhetischen Humanismus entgegen. Ob er Brasilien überhaupt wahrgenommen hat (einmal nennt er den Urwald einen tropischen Semmering), es wird ihm jedenfalls von einheimischen Intellektuellen abgesprochen nach der Publikation seines Brasilienbuchs. So schreibt Zweig über die ethnische Vielfalt mehr beschwörend als analytisch:

Denn seiner ethnologischen Struktur gemäß müßte, sofern es den europäischen Nationalitäten- und Rassenwahn übernommen hätte, Brasilien das zerspaltenste, das unfriedlichste und unruhigste Land der Welt sein. Noch sind mit freiem Blick schon auf Straße und Markt die verschiedenen Rassen deutlich erkennbar, aus denen die Bevölkerung geformt ist. Da sind die Abkömmlinge der Portugiesen, die das Land erobert und kolonisiert haben, da ist die indianische Urbevölkerung, die das Hinterland seit unvordenklichen Zeiten bewohnt, da sind die Millionen Neger, die man in der Sklavenzeit aus Afrika herüberholte, und seitdem die Millionen Italiener, Deutsche und sogar Japaner, die als Kolonisten herüberkamen. Nach europäischer Einstellung wäre zu erwarten, daß jede dieser Gruppen sich feindlich gegen die andere stellte, die früher Gekommenen gegen die später Gekommenen, Weiße gegen Schwarze, Amerikaner gegen Europäer, Braune gegen Gelbe, daß Mehrheiten und Minderheiten in ständigem Kampf um ihre Rechte und Vorrechte einander befeindeten. Zum größten Erstaunen wird man nun gewahr, daß alle diese schon durch die Farbe sichtbar voneinander abgezeichneten Rassen in vollster Eintracht miteinander leben und trotz ihrer individuellen Herkunft einzig in der Ambition wetteifern, die einstigen Sonderkeiten abzutun, um möglichst rasch und möglichst vollkommen Brasilianer, eine neue und einheitliche Nation zu werden. Brasilien hat – und die Bedeutung dieses großartigen Experiments scheint mir vorbildlich – das Rassenproblem, das unsere europäische Welt verstört, auf die einfachste Weise ad absurdum geführt: indem es seine angebliche Gültigkeit einfach ignorierte.

Den Harmonie-Gedanken eines Alexander von Humboldt aufnehmend, behauptet diese ästhetische Idealisierung mit kolonialistischer Faszination eine regelrechte Abwesenheit des Politischen, solches werden Oppositionspolitiker des Diktators Vargas nur befremdet gelesen haben:

Und nun weiß man auch, warum sich einem die Seele so entlastend entspannt, kaum man dieses Land betritt. Erst vermeint man, diese lösende, beschwichtigende Wirkung sei nur Augenfreude, beglücktes In-sich-Aufnehmen jener einzigartigen Schönheit, die den Kommenden gleichsam mit weich gebreiteten Armen an sich zieht. Bald aber erkennt man, daß diese harmonische Disposition der Natur hier in die Lebenshaltung einer ganzen Nation übergegangen ist. Erst wie etwas Unglaubwürdiges und dann als unendliche Wohltat begrüßt einen, der eben der wahnwitzigen Überreiztheit Europas entflüchtet ist, die totale Abwesenheit jedweder Gehässigkeit im öffentlichen wie im privaten Leben. Jene fürchterliche Spannung, die nun schon seit einem Jahrzehnt an unseren Nerven zerrt, ist hier fast völlig ausgeschaltet; alle Gegensätze, selbst jene im Sozialen, haben hier bedeutend weniger Schärfe und vor allem keine vergiftete Spitze. Hier ist noch nicht die Politik mit all ihren Perfiditäten Angelpunkt des privaten Lebens, nicht Mittelpunkt alles Denkens und Fühlens. Es ist die erste und dann täglich glücklich erneute Überraschung, kaum man dieses Land betritt, in wie freundlicher und unfanatischer Form die Menschen innerhalb dieses riesigen Raums miteinander leben. Unwillkürlich atmet man auf, der Stickluft des Rassen- und Klassenhasses entkommen zu sein in dieser stilleren, humaneren Atmosphäre.

Verteidigen kann man diese Modelle eines Privilegierten, wenn man sie als das nimmt, was sie sein wollten: existentieller Gegenentwurf eines Exilierten – ähnlich seiner Zwiegespräche mit Montaigne und anderen verstorbenen Freunden einer Kultur, die unwiederbringlich verloren war –, ein geistesgeschichtliches Brasilien, das in Zweigs Augen zum Heilenden, Rettenden des zerstörten Europa gerät:

[…] es ist kein Zufall, daß es – unter allen Ländern Amerikas Jahrzehnte lang die einzige Monarchie – als Kaiser den demokratischsten, den liberalsten aller gekrönten Regenten gehabt hat und heute, da es als Diktatur gilt, mehr individuelle Freiheit und Zufriedenheit kennt als die meisten unserer europäischen Länder. Darum beruht auf der Existenz Brasiliens, dessen Wille einzig auf friedlichen Aufbau gerichtet ist, eine unserer besten Hoffnungen auf eine zukünftige Zivilisierung und Befriedung unserer von Haß und Wahn verwüsteten Welt. Wo aber sittliche Kräfte am Werke sind, ist es unsere Aufgabe, diesen Willen zu bestärken. Wo wir in unserer verstörten Zeit noch Hoffnung auf neue Zukunft in neuen Zonen sehen, ist es unsere Pflicht, auf dieses Land, auf diese Möglichkeiten hinzuweisen.

 

Literatur zu Zweig in Brasilien

  • Back, Sylvio, und Nicholas O’Neill. Lost Zweig: a última semana de vida de Stefan Zweig no Brasil. Rio de Janeiro: Imago, 2006.
  • Biblioteca Nacional (Rio de Janeiro). Stefan Zweig: no país do futuro, a biografia de um livro. Catálogo da exposição comemorativa dos cinqüenta anos da morte do escritor. Rio de Janeiro: Fundação Biblioteca Nacional, 2009.
  • Brasilien, Land der Vergangenheit? Biblioteca Luso-Brasileira 20. Frankfurt am Main: TFM, 2000.
  • Campos, Viriato. Sobre Stefan Zweig e suas obras Brasil e Magalhães. Anexos: Damião de Góis, cronista e mártir, Descobrimento do Brasil, Carta de Pêro Vaz de Caminha. Europamundo 4. Póvoa de Santo Adrião: Europress, 1986.
  • Die letzte Partie: Stefan Zweigs Leben und Werk in Brasilien (1932 – 1942). Hrsg. von Ingrid Schwamborn. Bielefeld: Aisthesis-Verl., 1999.
  • Die Welt von Gestern: Erinnerungen eines Europäers; ungekürzte Lesung. Mono-Verl., 2013.
  • Dines, Alberto, Kristina Michahelles, und Israel Beloch. A network of friends: Stefan Zweig: his last address book 1940 – 1942. Petrópolis: Casa Stefan Zweig – Memória Brasil, 2014.
  • ———. A rede de amigos de Stefan Zweig: sua última agenda 1940-1942. Petrópolis: Casa Stefan Zweig – Memória Brasil, 2014.
  • Kuschel, Karl-Josef, Frido Mann, und Paulo Soethe. Mutterland – die Familie Mann und Brasilien. Düsseldorf: Artemis & Winkler, 2009.
  • Land der Zukunft?: Stefan Zweigs Brasilien-Buch. SWR, 2006.
  • Muranyi, Heike. „Brasilien als insularer Raum: literarische Bewegungsfiguren im 19. und 20. Jahrhundert“. edition tranvía, Verl. Frey, 2013.
  • Neubauer, Martin. „Stefan Zweig: Schachnovelle“, 2006.
  • Pooth, Xenia. Der Blick auf das Fremde: Stefan Zweigs Brasilien. Ein Land der Zukunft. Marburg: Tectum-Verl., 2005.
  • Roth, Joseph, und Stefan Zweig. Jede Freundschaft mit mir ist verderblich: Briefwechsel 1927 – 1938. Göttingen: Wallstein, 2011.
  • Seksik, Laurent. Les derniers jours de Stefan Zweig: roman. Paris: Editions Flammarion, 2010.
  • ———. Vorgefühl der nahen Nacht: Roman. Les derniers jours de Stefan Zweig. München: Blessing, 2011.
  • Stern, Leopold. La mort de Stefan Zweig. [S.l.]: Ed. Civilização Brasileira, 1942.
  • Thimann, Susanne. „Brasilien als Rezipient deutschsprachiger Prosa des 20. Jahrhunderts: Bestandsaufnahme und Darstellung am Beispiel der Rezeptionen Thomas Manns, Stefan Zweigs und Hermann Hesses“. Lang, 1989.
  • Wilczek, Reinhard. Stefan Zweigs Reise ins Nichts: Historische Miniatur. Limbus Preziosen 4. Innsbruck: Limbus Verlag, 2015.
  • Zweig, Stefan. Brasil, país do futuro. Brasilien, ein Land der Zukunft. Porto: Livraria Civilização, 1941.
  • ———. Brasilien: ein Land der Zukunft. Stockholm: Bermann-Fischer, 1941.
  • ———. Le Brésil: terre d’avenir. Brasilien, ein Land der Zukunft. Paris: Michel, 1953.