Formale Kultur: Boccaccio

Bei der Lektüre in Francesco de Sanctis’ Storia della letteratura italiana frage ich mich, wie die ältere Literaturwissenschaft so sicher werten konnte, was als Blüte und was als Verfall einer Kultur galt. Oder ob der Relativismus der heutigen Literaturwissenschaft – der selbst ja Geschichtsschreibung à la Vico als banalen Dreischritt von Anfängen, Höhepunkten und Verfallsphasen entlarvt – selbst zur äußerlichen Formkunst geraten ist, die nicht mehr mit einer Lebensweise verbunden ist, Autonomisierung, Ausdifferenzierung, aber eben auch Standpunkt- und Relevanzverlust.

De Sanctis in Kap. IX, 2 seiner Literaturgeschichte leitet zu Boccaccio über, indem er erklärt: „Die Sprache war noch dieselbe, aber hinter den Worten stand nicht mehr die Sache selbst“ (“Il linguaggio era lo stesso, ma dietro alla parola non ci era più la cosa.” IX, 3).

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Ein Lied aus Nichts: Anfänge der Trobadors

In meinem Seminar zur europäischen Trobadordichtung haben wir von Guilhen de Peitieu (Guillaume IX d’Aquitaine, Wilhelm von Aquitanien) das als schwerstes bekannte Trobadorgedicht gelesen, Farai un vers de dreyt nien, ein Traumgedicht, bei einem langen Ritt im Sattel entstanden und so modern, im Negieren aller Konventionen und in der Verweigerung der Autorität über den besungenen Stoff:

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