Laudatio für Monika Zeiner

Laudatio[1] für Monika Zeiner zur Vergabe des Comburg-Stipendiums 2016

Kai Nonnenmacher (Univ. Regensburg),
Schwäbisch Hall, Rathaus, 19. Oktober 2016

Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter der Stadt und der Kultur, sehr geehrte Frau Bürgermeisterin Wilhelm, sehr geehrter Herr Direktor Soppa, verehrte Monika Zeiner, liebe Organisatoren des Preises, Jurymitglieder, liebe Leserinnen und Leser,

Eingangs will ich Ihnen eine Frage stellen, allen Verheirateten und Geschiedenen und allen mit Partner und ohne Partner, vielleicht finden wir in den folgenden Minuten ein paar mögliche Antworten: Schließen sich Liebe und Ehe nicht in Wirklichkeit aus? Überfordern wir uns damit, das hohe Ideal und die bürgerliche Versorgungsehe zusammenzuzwingen? Was hat Sie das Leben bisher gelehrt? Was dachten wir einmal darüber? Und wie denken wir heute? – Nicht nur wegen dieser Frage ist es ein besonderes Vergnügen, auf Monika Zeiner eine kleine Lobrede halten zu dürfen, auf eine Autorin, die so lebt wie sie schreibt, und die doch das Leben als Rohstoff poetischer Freiheit durchsichtig werden lassen kann.

Preisverleihungen und Monika Zeiner

Preisverleihungen sind ja so eine Sache, die Künstlerfiguren im Werk unserer Autorin lästern einmal über so einen Anlass wie heute, lassen Sie uns kurz den beiden lauschen:

„Ich hab den GEMA-Nachwuchspreis bekommen.“ Eine längere Pause öffnete sich. Zwei, drei dürre Schneeflocken segelten inzwischen vor dem Küchenfenster hinab. […]
„Spinnst du?“ Jetzt endlich kaute Tom und schluckte dann.
„Wieso?“
„Warum sagst du mir nichts?“ […]
Außerdem, sagte Marc, nachdem sie sich an den Tisch gesetzt hatten, halte er nicht viel von diesen Preisen. Er habe schon einmal einen bekommen, sagte er. Den Kulturpreis der Stadt Bayreuth, der gleichzeitig ein Designpreis gewesen und an zwei Künstler, einen Musik- und einen Designkünstler, zu gleichen Teilen gegangen sei. Es sei einen Abend lang ein grandioser Affenzirkus veranstaltet worden, mit Kommunalpolitikern, Bürgermeister und Honoratioren der Stadt, unter anderem dem Münchner Kulturminister als Highlight, der ihn persönlich begrüßt und seine Kompositionen, die er nicht kannte, gelobt habe, gesagt habe, seinetwegen, Marc Baldurs wegen, sei er hier, worauf er dann in seiner offiziellen Laudatio aber mit keinem einzigen Wort auf Musik eingegangen sei, sagte Marc, sondern ausschließlich auf Design! [Der] Redenschreiber des Ministers [habe] schlicht und einfach nicht gewusst […], dass es ein Design- und Musikpreis gewesen sei und es zwei Preisträger gegeben habe, der Arme, sagte Marc und bekam einen Lachanfall. (Ordnung der Sterne über Como)

In unserem Fall ist es einfacher, Frau Zeiner selbst ist schon drei Preisträgerinnen in einem. Es ist ja nicht selten, dass Künstler ihr professionelles Wissen einfließen lassen, denken Sie an den Arzt und Lyriker der Moderne Gottfried Benn in der Leichenhalle dichtend, denken Sie an den Zeitgenossen Ernst Wilhelm Händler, der als Betriebswirt in seinen Romanen über die unwirkliche Ökonomie des 21. Jahrhunderts nachdenkt. Frau Zeiner, die seriöse Mittelalterforscherin, die melancholisch-elegante Sängerin, die bereits mit ihrem Erstlingsroman Ordnung der Sterne über Como sofort anerkannte Schriftstellerin, sie verwebt schnoddrige Berliner Zeitgenossenschaft mit feinster Liebesphilosophie des Mittelalters, man hört im Hintergrund leise die mediterrane Leichtigkeit als Barmusik.

Monika Zeiner „hatte schon während [ihres] Studiums und vor allem während der Promotion [mit dem Titel „Der Blick der Liebenden und das Auge des Geistes. Die Bedeutung der Melancholie für den Diskurswandel in der Scuola Siciliana und im Dolce Stil Nuovo“] Theater- und Hörspieltexte geschrieben, aber immer eher anwendungsbezogen. Nachdem [sie] die Doktorarbeit abgeschlossen hatte, erschien es [ihr] dann anfangs wie eine ungeheuere Befreiung, in die Fiktionalität einfach so hineinschreiben zu können, ganz ohne Belege, Herleitungen, Fußnoten. Allerdings verflüchtigte sich dieses Gefühl dann relativ schnell, weil [sie] eingesehen [hat], dass man beim Romanschreiben ebenso genau sein muss wie beim wissenschaftlichen Arbeiten, nur auf andere Weise. Insofern war das wissenschaftliche Schreiben aber eine wichtige Voraussetzung für [ihr] anderes Schreiben, auch die Fähigkeit, über Jahre an einem Thema zu bleiben, sich in dieses Thema und diese eigentlich komplett absurde Tätigkeit des Erfindens zu vertiefen.“ Und ich will betonen, das war ja bloß ihr erster Roman, was wird da noch kommen. Man sagt ja oft, der Erstling sei am stärksten autobiographisch, erst in der Folge wird ein breiteres Programm sichtbar.

Monika Zeiner war eine exzellente Wahl für das Comburgstipendium und reiht sich prächtig ein neben etwa Ilija Trojanow oder Felicitas Hoppe und die anderen. Allerdings: Der Weg von der Hauptstadt Berlin nach dem Sehnsuchtsort Süden führt knapp an Schwäbisch Hall vorbei. So heißt es im Roman:

Stattdessen fuhr er nach Würzburg, Nürnberg, München, Rosenheim. Meist fuhr er selbst, um sich ja nicht neben Morgenthal auf die Rückbank quetschen zu müssen. Dann saß Marc bei ihm vorn, die Karte lesend, oder Tom las und Marc fuhr, sie hörten Musik, sie redeten, sie sangen, sie schwiegen, während hinten geschlafen und es über ihnen Nacht wurde und neben ihnen die leuchtenden Mittelstreifen der Straße vorüberflogen. Er sah Betty im Rückspiegel neben Ulrich, ihren schlafenden Kopf, an die Scheibe gelehnt, in der Bewegung etwas vibrierend, mit leichtem Doppelkinn. Und er liebte sie überhaupt nicht in diesem Moment, er fühlte sich leicht, einige Zentimeter über dem Boden rasend, den Scheinwerferkegeln hinterher in die unendliche Nacht, so könnte er ewig fahren […] (Ordnung der Sterne über Como)

Einmal im Interview sagt Monika Zeiner über den Roman: „Die Erinnerung ist ein zentrales Motiv. Vor allem die Hauptfigur, Tom Holler, der Träumer und Melancholiker, ist von dieser Erinnerung bestimmt. Er wendet sein gegenwärtiges Leben immerzu in die verlorene Vergangenheit zurück. Überhaupt ist für mich das Schreiben sehr stark an die Kategorie des Erinnerns geknüpft, Erzählen ist für mich nicht zuletzt der Versuch, Dinge dem Vergessen zu entreißen, sie durch die Wiederholung auf Dauer zu stellen.“ – Schnell und flüchtig, und in der Erinnerung ewig, aber für immer vorbei…

Schwäbisch Hall hat seinen Namen gewissermaßen wegen Monika Zeiner geändert. – Genauer gesagt, wegen Würzburg, wo unsere Autorin im Jahr 1971 geboren ist. Im 15. Jahrhundert erklärt Hall – Hala – also, dass die Stadt Suevorum ist (schwäbisch) und keineswegs der fränkischen Gerichtsbarkeit der Würzburger untersteht. Selbstbewusst und gelassen kann die Stadt heute einer Fränkin aus Würzburg das Comburg-Stipendium 2016 gewähren: einen Monat in der Stadt zu verbringen, mit Abstand zur eigenen Familie und Kindern in Berlin-Kreuzberg, vier Wochen Ruhe für ein Buchkapitel oder für neue Eindrücke in einer so wunderbar mittelalterlich erhaltenen Stadt, dies alles gefördert durch Stadt, Comburg und Bausparkasse.

Steine, Licht und Staufer

„Auf diese Steine können Sie bauen“, heißt es hier seit den 1960er Jahren, und wenn Sie sich die Zeit nehmen, Monika Zeiners ersten Roman Ordnung der Sterne über Como nun auch wirklich zu lesen, werden Ihnen darin Steine zuhauf auffallen, alte Steinmauern, die archaische Pracht der steingebauten italienischen Stadt, aus dem Flugzeug der Steinhaufen Genua, einsames Spazieren über Bruchsteine am Strand, manchmal die Sorge, auf einem quadratischen Stein selbst zu versteinern; wir begegnen einer Bildhauerin, die versucht, dem Stein eine künstlerische Form abzuringen; die Liebenden stehen zwischen „Steinmonstern“, heißt es einmal über eine Fahrt zur Pariser Notre-Dame-Kathedrale. Sie sehen, eine für Erzähltexte nicht selbstverständliche Erzählform unserer Autorin ist die Arbeit am Metaphorischen. Man kann das schon an diesem Bildfeld zeigen: Der Roman erzählt eine durchaus schmökerbare Geschichte der Liebe und der Freundschaft – und des Todes –, aber Sie werden in diesem Buch auch philosophische Fragen in Gesprächen und Erzählerrede erkunden, Bilder entfalten sich, wenn wir über eine Dreiecksgeschichte lesen, über die Musik, über das Land der Sehnsucht Italien usf.

Aber zurück zur Bausparkasse: Die Teile, die in Berlin spielen, berichten auch vom Bauboom, es entstehen großzügige Loftwohnungen, es riecht nach frischer Farbe, es entsteht ein (Zitat) „neues Gehäuse, neue Hochglanzverpackung“ für ein „neues Leben“ der Menschen, Vita nuova heißt es bei Dante Alighieri um das Jahr 1300. Das Moderne und die Tiefe der Geschichte greifen ineinander.

Stein und Licht, das harte Material und das Ungreifbare, das uns wärmt und das uns sehen lässt, wie hängen sie zusammen? Auch hier hilft ein Blick nach Schwäbisch Hall: Im Benediktinerkloster folgte das Chorgebet in vier Schritten dem Lauf des Tages. Die Lichtfeier mitten in der nächtlichen Vigil, wie sie viele aus der Osternacht kennen, geht in das Lob der aufgehenden Sonne über, die wie Christus die Dunkelheit überwindet. An einer Stelle fallen dem Musiker von Zeiners Roman Mahlers Totenlieder ein, das erste Stück mit dem Titel „Nun will die Sonn’ so hell aufgehn.“ Und Zeiners Figur „muss die Augen zukneifen, zu viel Licht, als hätte er eben eine Sonnenbrille abgesetzt.“ Aber besonders spannend ist eine Stelle, wo wir sehen, wie das Innerpsychische, das Spirituelle und das Material ineinandergreifen: Noch ein Zitat, und wie vorhin in der Autoszene wieder der Scheinwerfer:

Die Liebe, denkt Tom Holler im Aufwachen, ist ein Scheinwerfer. Sie leuchtet denjenigen an, der geliebt wird, setzt ihn in strahlendes vorteilhaftes Licht, und alles um ihn wird dunkel, unkenntlich, uninteressant. Nur der, der geliebt wird, steht auf einer Lichtinsel inmitten der Nacht. So wie der Mond vom Licht der Sonne erst zum Mond gemacht wird, so wird der Geliebte vom Liebenden gemacht. Und auch die Sonne wird erst zur Sonne, wenn wir, das Sonnensystem, sie betrachten, sie, die ohne uns nur ein Steinbrocken wäre, einer mit viel brennendem Helium, zugegeben, aber ein Steinbrocken wie Milliarden andere auch in diesem Universum. Erst wenn wir sie ansehen, wird die Welt zur Welt. Gott, was sind wir wichtig! (Ordnung der Sterne über Como)

So komme ich über die Steine und die Sonne zu den Staufern, die ja eng auch mit der hiesigen Lokalgeschichte verknüpft sind. Sie wissen, in Schwäbisch Hall starben die Grafen von Comburg-Rothenburg aus und ihr Besitz fällt an Herzog Konrad, einen Staufer. Am Stauferhof von Kaiser Friedrich II. in Sizilien traf dieser sich mit den Hofbeamten und begründete in Anlehnung an die provenzalischen Trobadors die italienische Liebeslyrik, ungefähr Mitte des 13. Jahrhunderts, hier entstehen die ersten italienischen Kanzonen und Sonette und sie singen von der hohen Minne, dem unerreichbaren Liebesstreben, das Unmögliche daran ist seine künstlerische Kraft. Lesen Sie Giacomo da Lentini, lesen Sie dann den jungen Dante, den Cavalcanti, später den Petrarca. Keine Gedichte, die sich für Ehegelübde eignen. Die sizilianische Dichterschule ist ein unglaublich feiner Anfang der gesamten italienischen Liebesdichtung bis eigentlich heute, und die Spuren finden wir im Werk von Monika Zeiner, Forscherin und an der Liebe Leidende wie die Hofbeamten der Staufer. Auf der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises war Sibylle Lewitscharoff, die Dante Alighieris Göttliche Komödie fantastisch in die Gegenwart holte, aber mich überzeugt Frau Zeiners Studie über die Liebe, den Tod, die Melancholie und das Lachen so viel mehr. Denn hinter dem Reden über die Liebe geht es „viel mehr um Wahrnehmung, um Erkenntnis im philosophischen Sinn, wobei die Liebe, der Anblick und Augenblick der Liebeswahrnehmung, also das Sehen der Geliebten durch den Augensinn, der erste Schritt einer aufsteigenden Abstraktionserkenntnis nach aristotelischem Modell ist, die Liebe ist also die Vorbedingung des reinen Denkens“. Es gibt solche Momente in Zeiners Debütroman…

Italo-Swing und Liebesmelancholie

Man kann in allen Biographien der Autorin lesen, dass sie als Mona Stinelli die Sängerin der Berliner Band Marinafon ist, die italienische Musik der 1940er bis 1970er Jahre interpretiert. Es geht allerdings nicht so sehr um die so bekannten Schlager der BRD, sondern meist „sehr melancholische Stücke, fast durchweg in Moll, die einen gebrochenen, poetischen Blick auf die Welt und die Liebe werfen, ganz anders als der deutsche Schlager jener Zeit, der ja eher erbaulich und fröhlich, fast immer in Dur war, wie ja auch die deutsche Volksmusik – im Gegensatz zur italienischen – eher aufmunternd und optimistisch klingt.“

Vielleicht spürt man, wie ich langsam versuche, die Elemente der Zeinerschen Ästhetik ein wenig zu verknüpfen, denn die Melancholie dieses Italo-Swings und die Liebesmelancholie des Mittelalters verbinden sich wunderbar glaubwürdig in dem Roman, man kann ihn an einem leichten Sommerabend auf einer Schwäbisch Haller Terrasse lesen und bekommt Urlaubsstimmung, man kann ihn aber auch in einer mittelalterlichen Burg in Gegenwart eines unnahbaren Burgfräuleins lesen. Die Melancholie ist für Künstler und Denker, und vor allem für Liebende eine besondere Fähigkeit ihrer Wahrnehmung: „das Wahrgenommene besonders genau und haltbar zu speichern und dann, aufgrund seiner Neigung ins Innere, zur Reflexion, schöpferisch damit umzugehen.“ Das eben kann Literatur, und wenn sie für so verschiedene Lesebedürfnisse zugleich reizvoll ist, das eben hat mich an diesem Roman so beeindruckt. Die Dissertation von Frau Doktor Zeiner klingt mit, und man bekommt Lust, sich in diese ferne Dichtung zu wühlen, die sie untersucht hat.

Dreiecksroman

Und zugleich ist Ordnung der Sterne über Como ein ganz realitätssatter Roman über eine Dreieckskonstellation: Tom Holler, ein schwermütiger Träumer, in einer Berliner WG der Achtziger / Neunziger Jahre, dann ist da die Anästhesistin Betty – und Marc, der allerdings nicht überleben wird.

„Tom, sein bester Freund Marc und Betty leben […] in Prenzlauer Berg und machen zusammen Musik. Marc liebt Betty, die Gesang studiert, anstatt, wie von den Eltern gefordert, Medizin. Tom hat eine Affäre mit einer weitaus älteren, wohlhabenden West-Berliner Unternehmergattin, der er Klavierstunden gibt und die ihn über Jahre in ihren Bann zieht, womöglich gerade deshalb, weil sich die Affäre auf – von der Hausherrin streng dosierte – Körperlichkeiten beschränkt, gesprochen wird zwischen den beiden nicht. Gemeinsam mit Marc sinniert Tom über ein Leben jenseits von Plattenlabeln und kommerzieller Musik und hört Vorlesungen über Liebeskonzeptionen und -theorien. […] Tom verliebt sich in Betty, und obwohl er um Entsagung kämpft, weil er die Freundschaft mit Marc nicht gefährden will, passiert schließlich das Unausweichliche: Tom und Betty verbringen eine Nacht – beim Zelten am Comer See. War es die Ordnung der Sterne über Como? Oder hat Tom, als er zum ersten Mal in seinem Leben das Zaudern überwindet und handelt, sich schuldig gemacht?“ (Wiebke Porombka, „Lass dein Lächeln stecken“, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6. März 2013)

Also falls Sie immer noch über meine Eingangsfrage nachdenken, ob sich die hohe Liebe in den Ehealltag retten lässt, ob man beides irgendwie postmodern trennen soll, oder sublimieren oder als Paar die erotischen Stimulationen steigern soll, der Roman ist neben allem Gesagten ein Laboratorium, an dem wir Leser unser Leben spiegeln können. Ideale, Begehren, Freundschaft, das ganze Chaos unseres Lebens.

Der Romantitel Ordnung der Sterne über Como spiegelt sich in Stellen des Romans mit unaufgeräumten Wohnungen, der Anordnung von Schriftzeichen und der schönen Form der Zentralperspektive, Menschen, die mit Logik und Mathematik die Kontingenz und das Chaos sortieren wollen. Einmal heißt es: „Zeichen und Symbole und Ordnung in alles hineinzulesen, in die Sterne, ins Meer, in schwarze Katzen von links oder grüne Autos von rechts und auch in Erinnerungsglasperlen.“

Sie wissen vielleicht, in diesem Jahr hat mit Widerfahrnis von Bodo Kirchhoff eine Italiennovelle den Deutschen Buchpreis erhalten. Lesen Sie beide Bücher gemeinsam, möchte ich raten. In Monika Zeiners Buch ist Italien „das klasssische Sehnsuchtsland der Deutschen. Und natürlich mit Vorstellungen und Projektionen bis zum Rand aufgeladen. […] Das Italien-Motiv changiert im Roman […] zwischen zwei Vorstellungsbildern, zwischen Italien als romantischem Sehnsuchtsland der Dichter, Denker und Maler einerseits und als Wunschtraum der Rimini-Touristen andererseits.“

Und lassen Sie mich den heutigen Ehrengast in ihrer Musikthematik noch mit dem diesjährigen Nobelpreisträger für Literatur vergleichen: Bob Dylan, der als Singer-Songwriter eine neue Grenze aufgemacht hat zwischen dem traditionellen Literaturbegriff und den Kunstformen der Gegenwart. So heißt eine frühe Hörspielreihe von Monika Zeiner „Fülle des Wohllauts: Sezierte Evergreens“ (und alle Deutschlehrer/innen werden jetzt an das berühmte Kapitel gleichen Titels aus Thomas Manns Zauberberg denken, worin das Grammophon seinen Zauber entfaltet), wen wundert es, dass in diesen Hörspielen neben „All of me“ oder „As time goes by“ auch „I just called to say I love you“ gewählt wurden: Subjekt, Zeit, Liebe. Drei Themen des Romans.

Monika Zeiner zeigt, dass die Mittelalterlichen es „wahrscheinlich für völlig absurd halten würden […], dass wir die Vorstellung von der Liebe heillos überfrachten mit unseren disparaten Anforderungen, die wir an sie stellen. Einerseits fordern wir die unendliche, ideale Liebe, die sich im Zustand des Verliebtseins, einer Hollywood-Romantik erhält, andererseits die verlässliche, freundschafliche Paarbeziehung, die in der funktionierenden, glücklichen Familie gipfelt, und dies alles fordern wir von und mit einer einzigen Person.“ Dennoch lässt die Autorin solche Fragen offen, anstatt zu belehren. Wir finden vielleicht unsere Geschichte in ihrem Roman. So schreibt die Süddeutsche Zeitung in einer Besprechung: „Mit einem ausgeprägten Sinn für einen ungewöhnlich schönen Sprachstil und in vielen Perspektivwechseln umkreist Zeiner die ewige Frage, was man mit diesem sonderbaren Leben anfangen soll.“ Monika Zeiner „erzählt […] die Geschichte mit ihrem tragischen Kern, dem Tod Marcs, rückblickend, als Roman im Roman, in Erinnerungssplittern eingebettet. Tom und Betty, seit damaligen Tagen ohne Kontakt, allein gelassen mit der großen Last unbestimmter Schuld, sind bereits einige Jahre älter. Tom, gerade mit einer Ehe gescheitert, am Klavier längst ohne Leidenschaft, steht kurz vorm Selbstmord. Betty ist mäßig glücklich verheiratet. Als Anästhesistin arbeitet sie in Neapel, wo Tom mit seiner Band einen Auftritt hat. Man könnte sich sehen, alles könnte wieder beginnen, und tatsächlich ergreift Betty die Initiative und Tom folgt.“ (Anja Hirsch, „Kunst ist das Gegenteil von Liebe“, Die Zeit, 27. September 2013)

Mehr verrate ich hier natürlich nicht.

Lassen Sie mich mit Musik enden. Kennen Sie das Lied „Love in Portofino“? „Nel dolce incanto del mattino / Il mare ti ha portato a me / Socchiudo gli occhi a me vicino / A Portofino rivedo te“ In Portofino habe ich Dich wiedergesehen. Monika Zeiner lässt an einer Stelle ihres Romans auf einem Konzert Neuer Musik zwischen Jazzplatten und Stockhausen dieses Lied erklingen. Man mag darin eine Parodie der modernen Kunst erkennen oder das Bekenntnis der Autorin zur „unmittelbare[n] Überredungskunst des einfachen Tons“. Sie erklärte diese Stelle einmal, „Die Trennung zwischen dem sogenannten ernsten und dem unterhaltenden Bereich ist in der Musik sehr viel schärfer gezogen als beispielsweise in der Literatur.“ Das führt für mich dieses Schreiben vor, das so klug und doch nie bloß gelehrt ist, das uns verführt, ohne uns zu unterschätzen. Frau Zeiner hat letztes Jahr angekündigt, das nächste Buch könnte ein Familienroman werden. Ich bin schon sehr neugierig auf dieses Buch und hoffe, in Schwäbisch Hall entstehen ein paar Seiten mehr.

Mann und Frau im Dialog, im Roman unserer Autorin:

„Es riecht überall nach Meer“, sagte er.
„Kolumbus ist von hier in See gestochen“, sagte sie.
„Schade, dass alles bereits entdeckt ist.“ (Ordnung der Sterne über Como)

Nein, das ist es nicht! Und das zeigt Ihre Literatur, in der schönen, schrecklichen Melancholie, an der Küste stehend, mit dem Blick ins Unbestimmte.

Gratulation an Monika Zeiner für das Comburg Stipendium 2016!

 

  1. Zitate ohne Quellenangabe entstammen dem Autorengespräch, das ich mit Monika Zeiner für meine Zeitschrift geführt und publiziert habe: Kai Nonnenmacher, „‚Die Moderne, sie beginnt im Mittelalter‘: Gespräch mit Monika Zeiner, Romanistin und Autorin des Romans ‚Die Ordnung der Sterne über Como‘“, Romanische Studien 1 (2015), S. 237–252, online zugänglich: http://www.romanischestudien.de/index.php/rst/article/view/6.