Formale Kultur: Boccaccio

Bei der Lektüre in Francesco de Sanctis’ Storia della letteratura italiana frage ich mich, wie die ältere Literaturwissenschaft so sicher werten konnte, was als Blüte und was als Verfall einer Kultur galt. Oder ob der Relativismus der heutigen Literaturwissenschaft – der selbst ja Geschichtsschreibung à la Vico als banalen Dreischritt von Anfängen, Höhepunkten und Verfallsphasen entlarvt – selbst zur äußerlichen Formkunst geraten ist, die nicht mehr mit einer Lebensweise verbunden ist, Autonomisierung, Ausdifferenzierung, aber eben auch Standpunkt- und Relevanzverlust.

De Sanctis in Kap. IX, 2 seiner Literaturgeschichte leitet zu Boccaccio über, indem er erklärt: „Die Sprache war noch dieselbe, aber hinter den Worten stand nicht mehr die Sache selbst“ (“Il linguaggio era lo stesso, ma dietro alla parola non ci era più la cosa.” IX, 3).

„Das religiöse, moralische und poetische Gefühl lebt nur noch schwach im Bewußtsein des Dichters nach; und den leergewordenen Baum hat die Kunst eingenommen.
Diese Verflachung des Geistes, dieser Kult der schönen Form und dazu der Einbruch der griechisch-römischen Antike, das sind die beiden charakteristischen Merkmale der neuen Generation, die die männliche, gläubige und leidenschaftliche Epoche Dantes ablöst. Jetzt begeistern sich die Menschen nicht mehr für Ideen und suchen nicht mehr das Wahre hinter den ‚seltsamen Versen‘; das ‚schöne Gewand‘ genügt ihnen. Ihre Studien sind nicht mehr von der Suche nach Wahrheit bestimmt, sondern vom Drang nach Bildung; sie suchen das Wissen um des Wissens, die Kunst um der Kunst willen. Die Fiori, Giardini, Conviti und Tesori, in denen die heilige und profane Weisheit zu moralischem Nutzen verwandt worden war, räumen bloßen historischen und gelehrten Sammlungen das Feld. Es gibt wohl noch Scholastiker, und diese nennen Petrarca einen „Unwissenden“; aber ihre Einwände verlieren sich vor dem Beifall einer ganzen Welt, welche Petrarca an die Seite Virgils erhebt. Und dieser Virgil ist nicht mehr der ‚mago‘, der Seher, der Vorläufer des Christentums, und auch nicht der Weise, der ‚alles wußte‘, sondern der süße und elegante Poet. Dante krönte sich selber im Paradies zum Dichter, Propheten und Apostel; die Zeitgenossen krönen Petrarca zum Dichter als Verfasser der Dichtung Africa, die sie für eine neue Aeneis halten. Die Kultur und die Kunst sind die neuen Abgötter des italienischen Geistes.
Aber Kultur und Kunst sind hier nicht die natürlichen Blüten einer innerlichen Welt; vielmehr gehen sie mit geistiger Verflachung Hand in Hand und setzen sich schon als Selbstzweck, als etwas Äußerliches, das seinen Wert nur in sich selbst hat und zu gleicher Zeit Weg und Ziel ist. Es ist eine f o r m a l e Kultur und Kunst, die nicht hinreichend vom Inhalt her erwärmt wird. Ihren Inhalt bildet noch die gleiche Welt wie die Dantes, aber sie gilt nur noch für den Verstand, der mit Gefühl und Phantasie imWiderstreit liegt, einem flachen, unentschiedenen Streit. Die Vollkraft des Glaubens und des Willens ist dahin.“ (De Sanctis IX, 3)

Il sentimento religioso, morale, politico vive fiaccamente nella coscienza del poeta; e il posto rimasto vuoto è occupato dall’arte.
Questo infiacchirsi della coscienza, questo culto della bella forma fra tanta invasione di antichità greco–romana sono i due fatti caratteristici della nuova generazione, che succede all’età virile e credente e appassionata di Dante. Quegli uomini non si appassionano più per le dottrine, e non cercano il vero sotto i versi strani; la bella veste li appaga. I loro studi non hanno più a guida l’investigazione della verità, ma l’erudizione: c’è il sapere per il sapere, come l’arte per l’arte. I “fiori”, i “giardini”, i “conviti”, i “tesori”, dove la sapienza sacra e profana era usata a scopo morale, dànno luogo a raccolte semplicemente storiche ed erudite. Ci sono ancora gli scolastici, che chiamano il Petrarca un insipiente, ma le loro querele si sperdono nel plauso universale, che pone il Petrarca accanto a Virgilio. E codesto Virgilio non è più il mago, precursore del cristianesimo, e neppure il savio “che tutto seppe”, ma è il dolce ed elegante poeta. Dante s’incorona da sé in paradiso poeta, profeta e apostolo; i contemporanei incoronano nel Petrarca l’autore dell’Africa, della nuova Eneide. La coltura e l’arte sono i nuovi idoli dello spirito italiano.
Ma la coltura e l’arte non è il naturale fiorire di un mondo interiore, anzi è accompagnata con l’infiacchirsi della coscienza, e si pone già per sé stessa, come un fatto estrinseco che abbia il suo valore in sé e sia a un tempo mezzo e scopo. È una coltura e un’arte “formale”, non riscaldata abbastanza dal contenuto. Ci è lì dentro lo stesso mondo di Dante, ma c’è come ragione in lotta col sentimento e con l’immaginazione, lotta fiacca e inconcludente; scemato è il vigore della fede e della volontà.

So kommt es wohl auch, dass Boccaccio bei De Sanctis nicht als Stellvertreter der gebildeten Kreise eingeführt wird. Er ging „nicht etwa aus den Hohen Schulen hervor, sondern aus dem Schoße der Gesellschaft selber“ (“non usciva già dalle scuole: usciva dal seno stesso di una società che dovea così bene rappresentare”). Die soziale Differenz, die auch einen Bildungsmangel an „scholastischer und asketischer Kultur“ mit sich bringt, begründet das Bild eines „eher profanen als mystischen“ Künstlers, ohne Originalität und Gedankentiefe. Die Rezeption überkommener Formen und die Gattung selbst transformieren sich als Folge eines Mentalitätsbruchs:

„Von Dantes innerer Welt ist hier keine Spur mehr übriggeblieben; dagegen ist die äußere Welt bis zur Anekdote, bis zum Geschwätz weiterentwickelt. Man sieht einen neugierigen, profanen Geist am Werk, der das Wunderbare und Außerordentliche in den Zufälligkeiten des Lebens sucht und bereit ist, diese mit der Oberflächlichkeit eines Gebildeten, eines Mannes von Welt zu erklären.“ (De Sanctis, IX, 4)

Di quello che fu il mondo interiore di Dante, qui non è alcun vestigio; invece il mondo esterno vi è sviluppato fino all’aneddoto, fino al pettegolezzo. Ci si vede uno spirito curioso e profano che cerca il maraviglioso e lo straordinario negli accidenti umani, disposto a spiegarli con la superficialità di un erudito e di un uomo di mondo o “del secolo”, come si diceva allora.

Was aber, wenn all dies jahrhundertealte Konstruktion wäre, die drei Corone klar zu unterscheiden? Wo bleibt etwa die deutsche Herausgabe von Boccaccios Lyrik?

Literatur

Francesco De Sanctis, Geschichte der italienischen Literatur, hrsg. vom Deutsch-Italienischen Kulturinstitut Petrarca-Haus, Einleitung von Fritz Schalk, deutsche Übersetzung von Lili Sertorius (Stuttgart: Kröner, 1941), Bd. 1.