Elogio della rosa: Valerio Magrelli

Blüte und Stachel, Senden und Empfangen, in einer italienischen Anthologie mit Gedichten über die Rose verknüpft Magrelli die organischen Bilder des Schönen mit dem Digitalen:

Petalo dell’impronta
un’onda digitale:
curva che si propaga
emissione di sé.
La spinta che si estingue
sulla sponda del nulla:
spuma che non ha rena
remissione di sé.

Eine Ästhetik des digitus, des Fingers, der alles berührt, sich im Digitalen aber nicht mehr stechen lässt. Die virtuelle Rose als Welle, Schaum, Zahlenreihe, Datenpaket. Das Gedicht geht bis zum Rand, zur Null, zum Nichts, gibt dem Spurlosen eine Form.

Hochmodern, aber zugleich schon veraltet wie das vorletzte Betriebssystem tönt dieser Text. Byung-Chul Han schreibt in seiner digitalen Ästhetik Die Errettung des Schönen:

Das Glatte ist die Signatur der Gegenwart. Es verbindet Skulpturen von Jeff Koons, iPhone und Brazilian Waxing miteinander. Warum finden wir heute das Glatte schön? Über die ästhetische Wirkung hinaus spiegelt es einen allgemeinen gesellschaftlichen Imperativ wider. Es verkörpert nämlich die heutige Positivgesellschaft. Das Glatte verletzt nicht. Von ihm geht auch kein Widerstand aus. Es heischt Like. Der glatte Gegenstand tilgt sein Gegen. Jede Negativität wird beseitigt.

Glatt ist die Glasoberfläche des Smartphones noch mehr, als die Fingerberührung der Maus zu Zeiten des PC war. Glatt und Positivgesellschaft meint natürlich den Verlust eines kritischen Standpunkts, für Han ist die „Optimierung“ der Oberfläche eine Infantilisierung oder regressive Erotisierung:

Der haptische Zwang oder die Lutschlust ist nur möglich in der sinnentleerten Kunst des Glatten.

Zwar springt er zunächst zu Burkes Ästhetik des Glatten zurück, also in die Anfänge moderner ästhetischer Theorie im 18. Jahrhundert. Aber das Naturschöne ist nach Han dem „Digitalschönen“ entgegengesetzt:

Im Digitalschönen ist die Negativität des Anderen gänzlich aufgehoben. Daher ist es ganz glatt. Es soll keinen Riss enthalten. Sein Signum ist das negativitätslose Wohlgefallen, nämlich das Gefällt-mir. Das Digitalschöne bildet einen glatten Raum des Gleichen, der keine Fremdheit, keine Alterität zulässt. Das reine Drinnen ohne jede Exteriorität ist sein Erscheinungsmodus. Es macht selbst die Natur zu einem Fenster seiner selbst. Dank totaler Digitalisierung des Seins wird eine totale Vermenschlichung, eine absolute Subjektivität, erreicht, in der das menschliche Subjekt nur noch sich selbst begegnet.

Die verschwundene Aura als eine Ferne, eine Widerständigkeit auch, erlaubt demnach nur Selbstbespiegelung, nie Staunen. Und hier formuliert Han dann etwas, was sich mit Magrellis Gedicht verbinden ließe: Der Stachel der Rose heißt hier „Ästhetik der Verletzung“, ihr Verschwinden beklagt Han, bspw. an Barthes’ Idee des punctum ausgeführt.

Ohne Verletzung gibt es weder Dichtung noch Kunst. Auch das Denken entzündet sich an der Negativität der Verletzung. Ohne Schmerz und Verletzung setzt sich das Gleiche, das Vertraute, das Gewohnte fort.

Zunächst klingt das nur nach minimalen Umformulierungen der Ästhetikgeschichte, Kritik der Zerstreuung, der Reproduktion, der Affirmation. Aber in der Zeit der Ersetzung bürgerlicher Öffentlichkeit durch digitale hate speech, in der wir heute sind, ist vielleicht die Idee des digitalen Bilds auch die Idee des Worts, Diskurs oder Gefühl durch Affekt ersetzen zu können:

Die Wahrnehmung digitaler Bilder vollzieht sich als Ansteckung, als Affektion, als unmittelbarer Kontakt zwischen Bild und Auge. Darin besteht ihre Obszönität. Ihr fehlt jede ästhetische Distanz. Die Wahrnehmung als Ansteckung lässt das Augenschließen nicht zu. Barthes’ Begriffspaar studium/punctum ist um das affectum zu erweitern. Der unmittelbare Kontakt zwischen Bild und Auge lässt nur noch das affectum zu. Das digitale Medium ist ein Affektmedium. Affekte sind schneller als Gefühle oder Diskurse. Sie beschleunigen die Kommunikation. Das affectum kennt keine Geduld zum studium und keine Empfänglichkeit fürs punctum. Ihm fehlt die beredte Stille, das sprachvolle Schweigen, das das punctum ausmacht. Das affectum schreit und erregt. Es bringt nur sprachlose Erregungen und Reize hervor, die ein unmittelbares Gefallen auslösen.

Es ist also die Frage, wohin eine digitale Ästhetik drängt, in bloße Negativität ja eben gerade nicht, wie es bei Magrelli steht, sondern in eine Positivgesellschaft der Kommunikation, die mit Radikalisierung und Populismus einhergeht, in eine Immunisierung gegenüber Fremdheitserfahrungen. „Wir sind das Volk“, das meint in der digitalen Ästhetik gar keine Exklusion des Fremden, er kommt ja als Gegenüber nicht einmal vor in der Glätte der Selbstbespiegelung, um dann aus einer solchen identitären Community noch ausgeschlossen zu werden. Weshalb vielleicht gerade in den neoliberal verungleichten Gesellschaften plötzlich Ideen von „Inklusion“ entstehen. Zynisch oder rettend…

Literatur

Valerio Magrelli, Poesie e altre poesie (Torino: Einaudi, 1996).

Elogio della rosa: da Archiloco ai poeti d’oggi, a cura di Carla Poma (Torino: Einaudi, 2002), 181.

Byung-Chul Han, Die Errettung des Schönen (Frankfurt am Main: S. Fischer, 2015).