Ein Lied aus Nichts: Anfänge der Trobadors

In meinem Seminar zur europäischen Trobadordichtung haben wir von Guilhen de Peitieu (Guillaume IX d’Aquitaine, Wilhelm von Aquitanien) das als schwerstes bekannte Trobadorgedicht gelesen, Farai un vers de dreyt nien, ein Traumgedicht, bei einem langen Ritt im Sattel entstanden und so modern, im Negieren aller Konventionen und in der Verweigerung der Autorität über den besungenen Stoff:

Man nennt ihn den ersten Trobador, aber kann autopoetologische, metafiktionale, autonome Dichtung überhaupt in der Frühphase einer literarischen Schule entstehen? Bernsen argumentiert mit Platons Phaidros und mit der „Bewusstseinsentfremdung“ des liebenden Dichters.

Dietmar Riegers Urteil, die okzitanische Trobadorlyrik trete bereits in höchster Vollkommenheit ins Leben, lässt Wilhelm ebenfalls nicht als ersten Trobador gelten: Es war offensichtlich bereits eine längere Tradition der südfranzösischen Adligen, die so überstiegen werden kann und vom Feudalherrn überliefert ist.

Sehr reizvoll von Andreas Haug die Rekonstruktionsversuche der unterliegenden Melodie.

Literatur

Wilhelm IX. von Aquitanien, 1071–1127: „Ein Lied aus reinem Nichts. Dichten im Schlaf, Dichten zu Pferd: Guilhem IX.“, in: Ralph Dutli, NICHTS ALS WUNDER. Essays über Poesie. Zürich: Ammann Verlag, 2007, 40–52.

Anne Amend und Sibylle Bieker, „Lyrik in vollendeter Gestalt“, Spiegel der Forschung 1–2 (1989), 33–36, http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/5454/pdf/SdF-1989-1-2_33-36…

Michael Bernsen, Die Problematisierung lyrischen Sprechens im Mittelalter: Eine Untersuchung zum Diskurswandel der Liebesdichtung von den Provenzalen bis zu Petrarca, Berlin, De Gruyter, 2001, 75, http://tinyurl.com/ztorko7

Andreas Haug, „Kennen wir die Melodie zu einem Lied des ersten Trobador?“, in Projektion – Reflexion – Ferne: Räumliche Vorstellungen und Denkfiguren im Mittelalter, herausgegeben von Sonja Glauch, Susanne Köbele und Uta Störmer-Caysa, S. 369-390, http://tinyurl.com/h58ugmj

Dietmar Rieger: „Der vers de dreyt nien.“ Wilhelms IX. von Aquitanien. Rätselhaftes Gedicht oder Rätselgedicht? Untersuchung zu einem „Schlüsselgedicht“ der Trobadorlyrik. Sitzungsberichte der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse, Jg. 1975, Abh. 3 (Heidelberg, 1975).