Bildgebende Verfahren und Haute Couture: Daniele Del Giudice

Albert Einstein hatte von Gravitationswellen gesprochen – und also von Krümmungen in der Raumzeit –, die heute in einer Pressekonferenz als bewiesene Phänomene vorgestellt wurden, die Wissenschaftspresse spricht von einer Sensation. Mir fällt hier der Roman des Italieners Daniele Del Giudice ein, Atlante occidentale (Der Atlas des Westens), in dem zwei ganz wesensverschiedene Forscher – Mark und Brahe – die Nacht im Labor verbringen, beide mit ganz anderen Erinnerungen später an diese Nacht der Entdeckung.

Mark würde nie die Gelassenheit vergessen, mit der Brahe kurz vor vier die Bildschirmdarstellungen der inzwischen sehr reinen, sehr klaren und, da man sie noch nie zuvor gesehen hatte, unverwechselbaren Vorgänge verfolgte und sagte, indem er sich über seine Schulter beugte: „Ja‚ aber können wir uns sicher sein?“ und auch: „Es könnte sich jedoch auch um andere, gewöhnlichere Dinge handeln“ und sie langsam aufzählte, als zwänge er sich und die anderen, obwohl er bereits in Sicherheit Aufstellung genommen hatte, eine langsame Kreisbewegung durch alle Ähnlichkeiten und Übereinstimmungen und Möglichkeiten durchzuführen, wobei er eine nach der anderen ausschloß, um schließlich den Kreis an jenem Punkt zu schließen, an dem sie angelangt waren […]

Die so verschiedenen Forscher bilden eine Einheit in ihrer Differenz, und so ist es mit dem, was sie entdecken. Der Text erkundet nun für beide ganz unterschiedliche Wahrnehmungsprozesse, eine Art physikalischer Imagination, die in eine ästhetische Epiphanie mündet:

[…] er würde auch nie die gefaßte Sanftheit Rüdigers vergessen, der, als sie zu sehen begannen, gesagt hatte: „Es ist so schön. So unglaublich schön“, und der respektvolle Ton konnte nicht dem gelten, was sie direkt unter den Augen hatten, den Linien, die blitzschnell entstanden und vergingen und die, wenn sie kollidierten oder einander durchkreuzten, kleine Bündel von Geraden und Kreisen und Wirbeln erzeugten, sondern der Vorstellung, die die verblassenden Linien hervorriefen, der Vorstellung von einer Symmetrie, die so radikal und überraschend war, daß man das, was zuerst als Manifestation verschiedener und getrennter Kräfte erschienen war, unter einem einzigen großen Gesetz vereint sehen konnte, dem einfachsten und einzigen, das gleichzeitig ein Gesetz der Verschiedenheit und der Einheit war, und in diesem Augenblick sahen sie, so wie sie es gewohnt waren zu sehen, die Bestätigung und Erfüllung dieses Gesetzes.

Ordnung, Harmonie und abstrakte Schönheit, die aber immer an der Grenze zum Zweifel bleibt, in einer narrativen Unentschiedenheit. Die Erschaffung von Erkenntnis wird mit der Haute Couture gleichgesetzt, weil eben doch nicht nur experimentiert und vorgefunden wird, sondern eine physikalische „Kollektion“ entsteht, geschneiderte Wirklichkeit, ein kreativer Prozess also, vor Publikum, dem staunenden Modevolk der scientific community, der Laufsteg der wissenschaftlichen Erkenntnis:

Rüdiger würde nie die unfreiwillige Ironie bestimmter Sätze Marks oder Brahes vergessen, die im Verlauf der Nacht sagten: „Aber ist diese Ausbuchtung hier normal?“, oder: „Vielleicht müßte man es hier ein wenig anheben“, oder: „Ich würde es länger lassen“, oder: „Schau, wie es hier auftritt“, oder: „Es dreht sich um sich selbst und verschwinden, und jemand hinter ihnen hätte meinen können, es handle sich um ein Kleid oder ein Mannequin oder um die Anprobe bei einer schwierigen Kundin oder die Präsentation einer neuen Kollektion, aber hinter ihnen standen nur weitere Physiker, die sich im Verlauf der Nacht eingefunden hatten, um teilzuhaben und anwesend zu sein, und auch daran würde sich Rüdiger erinnern, an das Gefühl einer staunenden, schlaflosen Gemeinsamkeit, in der jeder auf seine Sprache verzichtete und sich auf Blicke, Lächeln und Kopfschütteln beschränkte, was mehr aussagte als alle Worte.

Vielsagend nun das Umschwenken von empirischem Beobachten, vom Sinnlichen wie in Platos Höhle zu einer abstrakteren Sicht, die über die Anschauungsweisen hinausgeht. So wie die Sensualisten über die Sinne menschliche Erkenntnis in ihrer mentalen Repräsentation begründeten – man denke aber auch schon an Diderots frühe Grenzerweiterungen solchen Denkens in seinem Brief über die Blinden – so gehen diese Wissenschaftler in der Evolution der Sinne bis über die Frontlinie der Avantgarde hinaus, eine Utopie und Öffnung für neue Wahrnehmung, eine Überschreitung des Sinnlichen wie in der Blendung Dantes im Paradiso, nur ohne Rede von einem Gott:

[…] aber vor allem jener Augenblick würde für Brahe unvergeßlich sein, in dem er schlagartig von dem, was er mit eigenen Augen sah, zu dem überwechselte, was er im Geiste sah, die Tiefe einer Materie, bei der es nicht mehr vier Dimensionen gab, sondern zehn oder elf, und die unbekannten und unsichtbaren waren so kurz und gekrümmt, so schnell und so wenig darstellbar, so instabil, daß er geradezu spürte, wie das Wort „Raum“ zersplitterte, spürte, wie sich die Buchstaben voneinander lösten und sich wie wirbelnde Zylinder aufs neue zusammenfugten, und in ihrem Inneren befanden sich neue Zylinder und Volumen, die sich im selben Augenblick öffneten und schlossen, aber schon verwiesen Volumen und Zylinder und Bänder und Zipfel und Spiralen auf nichts anderes […].

Ungefähr dies kommt mir heute in den Sinn, als ich im Netz verschiedene Computersimulationen der Gravitationswellen animiert sehe. Bildgebende Verfahren, ein Wort wie aus der Poesie:

[…] denn für all das, was er in diesem Augenblick im Geist: sah, gab es kein Bild, zumindest so lange nicht, bis Abstände und Proportionen wieder größer wurden, und er sah, wie sich die Dimensionen zusammenrollten und innerhalb der vier bekannten Dimensionen verschwanden, wo sich alles noch in Punktform manifestierte, Felder, Wellen, Teilchen, auch die Teilchen, die sie in dieser Nacht zum ersten Mal sahen; und er hatte den Eindruck, als wäre die sogenannte Atomkraft oder die Schwerkraft nichts anderes als ein Sinn, wie der Gehör- oder Tastsinn, der an irgendeinem Punkt der Evolution zugunsten der Standardwahrnehmung geopfert worden war, die eingeschränkt, aber lebensnotwendig ist wie eine kleine Bandbreite an Temperatur und Feuchtigkeit, etwas, was früher einmal für ein Sinnesorgan wie das Ohr oder den Mund oder die Fingerkuppen oder das Auge oder die Nase bestimmt gewesen war und was jetzt nur noch mit einer gigantischen Prothese wie dem Detektor wahrgenommen werden konnte, den sie vor sich hatten, jetzt, gerade jetzt, da die Evolution sie alle seltsamerweise so weit gebracht hatte, daß sie jene Dimensionen und jene Einheiten sehen und damit umgehen konnten; und es war ihm klar, daß von hier die neuen Dinge kommen würden und mit ihnen Verhaltensweisen und Wahrnehmungen und Seinsmöglichkeiten und Gefühle […].

Literatur

Daniele Del Giudice, Der Atlas des Westens (München: Hanser, 1987), 192–5.