Vor der Morgenröte: Stefan Zweig in Brasilien

Un pays nouveau, un port magnifique, l’éloignement de la mesquine Europe, un nouvel horizon politique, une terre d’avenir et un passé presque inconnu qui invite l’homme d’étude à des recherches, une nature splendide et le contact avec des idées exotiques nouvelles.

Mit diesem Motto eröffnet Stefan Zweig sein Buch über das Land der Zukunft Brasilien: Der österreichische Diplomat Graf Prokesch-Osten schreibt dies 1868 an Gobineau, als dieser zweifelt, ob er einen Diplomatenposten dort annehmen soll. Das Zitat steht für einen idealisierenden europäischen Blick, der mehr mit dem Verlassenen als mit dem Angekommenen zu tun hat. So auch im Film Vor der Morgenröte über die letzten Jahre Zweigs im Exil.

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Bildgebende Verfahren und Haute Couture: Daniele Del Giudice

Albert Einstein hatte von Gravitationswellen gesprochen – und also von Krümmungen in der Raumzeit –, die heute in einer Pressekonferenz als bewiesene Phänomene vorgestellt wurden, die Wissenschaftspresse spricht von einer Sensation. Mir fällt hier der Roman des Italieners Daniele Del Giudice ein, Atlante occidentale (Der Atlas des Westens), in dem zwei ganz wesensverschiedene Forscher – Mark und Brahe – die Nacht im Labor verbringen, beide mit ganz anderen Erinnerungen später an diese Nacht der Entdeckung.

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Formale Kultur: Boccaccio

Bei der Lektüre in Francesco de Sanctis’ Storia della letteratura italiana frage ich mich, wie die ältere Literaturwissenschaft so sicher werten konnte, was als Blüte und was als Verfall einer Kultur galt. Oder ob der Relativismus der heutigen Literaturwissenschaft – der selbst ja Geschichtsschreibung à la Vico als banalen Dreischritt von Anfängen, Höhepunkten und Verfallsphasen entlarvt – selbst zur äußerlichen Formkunst geraten ist, die nicht mehr mit einer Lebensweise verbunden ist, Autonomisierung, Ausdifferenzierung, aber eben auch Standpunkt- und Relevanzverlust.

De Sanctis in Kap. IX, 2 seiner Literaturgeschichte leitet zu Boccaccio über, indem er erklärt: „Die Sprache war noch dieselbe, aber hinter den Worten stand nicht mehr die Sache selbst“ (“Il linguaggio era lo stesso, ma dietro alla parola non ci era più la cosa.” IX, 3).

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Balzac und die Totalität der Welt: Lukács

Mit der Serialität von Fernsehserien kam wieder das Interesse an der Totalität des Erzählens in die Debatte, die mit Hegels „objektivem Erzählen“ das Epos meinte und damit eine Einheit, eine Form der Gesellschaft, welche doch in der Spät- und Postmoderne durch Differenzkonzepte im politischen Denken ersetzt wurde.

Bei der Lektüre von Georg Lukács’ Theorie des Romans begegnet mir Balzac im Kapitel „Versuch einer Typologie der Romanform“, mit einer doppelten Paradoxie, er schreibt, „Episch gestaltet ist doch nur das einzelne, das Ganze ist nur zusammengefügt“. Das heißt auch, das Einzelne hat nicht mehr, wie bei Torquato Tassos Discorsi über das Epos, die Spannung zwischen Vielheit und Einheit zu halten, denn kein Teil hat bei Balzac mehr Notwendigkeit in Bezug auf das Ganze. Totalität ist bei Balzac nurmehr „Ahnung eines Lebenszusammenhangs,, […] großer lyrischer Hintergrund“. Deshalb schreibt Lukács:

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Malerei als Politik: Pierre Michon

J’ajoute ceci : dans l’un et l’autre cas, mise à mort ou apothéose de Robespierre, il fallait que le tableau fût juste, fonctionnât ; que Robespierre et les autres pussent y être vus comme des Représentants magnanimes, ou comme des tigres altérés de sang, selon que les faits exigeassent l’une ou l’autre lecture. Et que Corentin l’ait peint et réussi dans ce sens, dans les deux sens, voilà bien sans doute une des raisons pourquoi Les Onze sont dans la chambre terminale du Louvre, le saint des saints, sous la vitre blindée de cinq pouces.

Pierre Michon, Les Onze, II,3.

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Handlung und Idee: Madame de Staël

Madame de Staël schreibt ihre frühe kontrastive Betrachtung De l’Allemagne, nachdem sie Aufenthaltsverbot in Paris erhalten hat, anlässlich einer Reise zu den deutschen Nachbarn teils in Begleitung Schlegels, bis die Nachricht des Tods ihres Vaters sie zurückruft.

Kühn, aber folgsam: Das Bild der so wenig gewandten Nachbarn ist aus französischem Blick widersprüchlich, gehorsam im Handeln, aber unabhängig in Gedanken, umgekehrt der Franzose. Bleiben diese Sphären demnach bei beiden getrennt?

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Houellebecq als Dandy des Hässlichen – Konversion

Der Dandy als Figur der ästhetischen Opposition wie bei Huysmans und seiner Figur Des Esseintes ist in Houellebecqs Medienbild mit den Abscheu erzeugenden Zeichen abgerauchter Zigaretten, mit strohigem Haar, Plastiktüte und teilweise seltsamer Kleidung umgekehrt worden.

Viel zu wenig wurde bisher über die Konversion am Schluss des Romans (der ursprünglich nicht in Anspielung auf den „Islam“ Soumission, sondern Conversion heißen sollte) gesprochen:

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Dante und Puccini

Diese Woche in der Regensburger Oper gewesen, eine Doppelaufführung von zwei Kurzopern, die im selben Jahr uraufgeführt wurden (Kritik).

Die so viel gehörte Arie „O mio babbino caro“ trat diesmal für mich zurück hinter das leuchtend Patriotische von „Firenze è come un albero fiorito“, zugleich verdunkelt sich später die Stadt wieder mit Gianni Schicchis doppeltem Erbbetrug. Wenn Schicchi erwischt und mit amputierter Hand ins Exil muss, wie Dante selbst.

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Ein Lied aus Nichts: Anfänge der Trobadors

In meinem Seminar zur europäischen Trobadordichtung haben wir von Guilhen de Peitieu (Guillaume IX d’Aquitaine, Wilhelm von Aquitanien) das als schwerstes bekannte Trobadorgedicht gelesen, Farai un vers de dreyt nien, ein Traumgedicht, bei einem langen Ritt im Sattel entstanden und so modern, im Negieren aller Konventionen und in der Verweigerung der Autorität über den besungenen Stoff:

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